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Colloro
- einst und heute |
sich bis auf eine Höhe von fast
tausend Metern hinauf kleine Dörfer, die unter dem Namen Capraga bekannt
sind. Tatsächlich aber lassen sich drei verschiedene Siedlungen ausmachen,
die Satelliten von Colloro sind: Biogno, Bartolo und Sasso Termine. Colloro ist
ein typisches Bergdorf, sein Name stammt aus dem Lateinischen corylus bzw. colorus,
was soviel wie "Ort der Steine" bedeutet. Die Deutung
des Namens Capraga lässt hingegen viel Raum für die Phantasie,
denn
die
Ziegen
(capre) sind auch heute noch dort zuhause. Capraga war seit Jahrhunderten eine
ganzjährig bewohnte Siedlung (1798 waren
es 237 Einwohner), dann hat langsam die Migration eingesetzt und die Einwohner
folgten den Verlockungen der Beschäftigung in der Industrie im Tal. So ist
die Bevölkerung bis 1965, als die letzte Bewohnerin Clotilde Primatesta
starb, erodiert. Doch auch heute noch ist den Sommer über
Giovanni
Piolini
mit
seinen Ziegen in Biogno. Nicht zu vergessen zwei weitere ältere Menschen,
die bis zum Jahr 2007 - nur in Begleitung einiger Ziegen - fast ganzjährig
in Sasso Termine lebten: Luisa Bionda und Elia Pella. In jungen Jahren
wirtschafteten sie in In la Piana, heute beliebter und wichtiger Etappenhalt
an der klassischen Durchquerung des Val Grande.
Heute belagert der Wald die Ruinen und die verlassenen Häuser.
Man sieht die Terrassierung in regelmässigen Reihen, die
einst den steilen
Hängen des Berges abgerungen wurde und kann sich die mühsame
landwirtschaftliche Tätigkeit gut vorstellen.
für die Vielfalt der Produkte akzeptiert.
Eine herausragende Rolle spielte die Kastanie, in Colloro und
im gesamten Ossola auch árbul gennant. In der Römerzeit
aus dem mediterranen Raum eingeführt, hat der Baum hier ein ideales Umfeld
zwischen
200 und 1000 Metern gefunden. Auf der Alpensüdseite war er mehr als nur ein
Baum, er war der "Brotbaum" der alpinen Bevölkerung par excellence.
Ein einzelner Baum lieferte Nahrung während fünf Monaten für eine
ganze
Familie. Um die Kastanien möglichst lange haltbar zu machen, wurden sie
mit einem Holzhammer (al pic) bearbeitet und geräuchert. In den
alten Häusern von Colloro ist die gràa noch sichtbar,
das Gitter über dem zentralen Kamin, wo diese Arbeiten durchgeführt
wurden.
Unter den Kastanienbäumen war in der Regel eine gemähte Wiese, an steilen
und felsigen Ortern auch eine Weide. Auch das Holz der Kastanie war kostbar,
tatsächlich wurden alle hölzernen Teil der Dächer in Colloro aus
diesem Holz gefertigt. Das Holz wurde im Niederwald gewonnen und diente als Rundholz
beim Bau, als Material für die Herstellung von landwirtschaftlichen Geräten
und als wichtigstes Brennholz. Selbst das Kastanienlaub wurde verwendet, als
Streu
für
das Vieh, später auch als Dünger. Die jüngeren Bäume
wurden als zusätzliches Futter für die Tiere genutzt. Darüberhinaus
lieferte der Baum im Frühling wertvollen Kastanienhonig.
Nicht
zuletzt
ist
die Kastanie auch deshalb bemerkenswert, weil sie mit geringen Ansprüchen
auch an vielen Fels- und Steilhängen wächst, wodurch eine wirtschaftliche
Nutzung auch auf unproduktivem Land möglich ist.
Campello Monti, von Forno und Massiola und an der Cima del Massone
wurden zur Beweidung genutzt.
Nicht alle Familien aus Colloro stiegen mit den Tieren auf die Alp, einige vertrauten
ihre
Vieh den Sennen an, was als scuciùn bezeichnet wurde.
Der Senn war verantwortlich für die Vermietung der Weide. Dazu hielt man
eine öffentlichen
Versteigerung ab. Diese wurde mit dem traditionellen Ritual der brennenden Kerze
durchgeführt: Wenn die Kerze erloschen war, beendete das letzte Angebot die Auktion.
Diese
Aufteilungsmethode wurde auch für die kommunalen Wälder verwendet.
Der Senn war eine Autoritätsperson, denn er war verantwortlich für
die anvertrauten Tiere und er war der Meister in der Herstellung von Butter,
Käse und Quark (masaret). Die Menge des hergestellten Alpkäses
wurde dann im Verhältnis zu der Menge der Milch, die jede Kuh lieferte,
aufgeteilt und etwa ein Drittel war für den Senn bestimmt. Etwa Mitte
Juli unterbrachen die Colloresi die Heuernte, um die Sennen und ihre Tiere auf
den Weiden zu besuchen. Man beobachtete gemeinsam das Melken und kontrollierte
die Menge der produzierten Milch. Es war auch die Gelegenheit zum feiern, ein
Festessen mit Polenta zu kochen, oder vielleicht ein Huhn zu schlachten.
Das Alpleben war hart und arbeitsreich, aber man war zufrieden mit einem Gefühl
von Freiheit. Die Jungen kümmerten sich um das weidende Vieh, und die Frauen
gingen an regnerischen Tagen mit der Sichel (mèula) in die
für Kühe zu steile Hänge heuen. Man ging immer con i
scarp dal cucù (mit Kuckucksschuhen), das heisst barfuss. Mit der
Zeit
bildete
sich
auf
den Fusssohlen so viel Hornhaut, dass man über Steine und sogar Kastanienschalen
laufen konnte.
Das Bedürfnis nach Weiden liess die Colloresi selbst an den unzugänglichsten
Orten Alpen errichten um ihren Lebensunterhalt sicherzustellen. Oberhalb
Colloro
finden wir einige: Die Alpen Ludo Albòch, Balma, Bèula und Vallard
thronen in unglaublicher Lage an den Hängen des Pizzo delle Pecore. Kälber
und Rinder waren die einzigen, denen nicht schwindlig wurde. Wegen
der Gefährlichkeit der Plätze wurde das Vieh die ganze Zeit über
an die Kette gezwungen, und das Gras wurde mit der Sichel gemäht und mit
dem Korb in die Futterkrippe gebracht. Steht man auf dem grasbewachsenen
Sattel
der
Alpe
La
Colla, so kann sich niemand vorstellen, dass einige Dutzend Meter weiter die strà di
vacch durch die ausgesetzten senkrechten Felswände ansetzt, um auf
die Weiden der Alpe Curtet gelangen zu können.
ländlichen
Lebens wurden aufgegeben, auf die Gefahr hin, für immer vergessen zu werden.
Der Vergleich der Landnutzung der Jahre 1867 und 1999 in Colloro bestätigt
eindeutig diesen grossen historischen Wandel. Mit dem Weggang der Sennen
wurden nicht nur Häuser, Ställe, Wiesen und Weiden aufgegeben, sondern
geht auch die Auflösung des Ganzen, der herrlichen Bergkulisse mit ihrem
traditionellen,
kulturellen und historischen Erbe einher.
Mit dem Niedergang der Alpwirtschaft begann das frühindustrielle Zeitalter
im Ossola. Die Industrie siedelte sich mehr oder weniger an den Mündungen
der Seitentäler an, gefördert durch die Fülle des dort verfügbaren
Stroms, der durch die zahlreichen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts erbauten
Staubecken erzeugt wurde. Hauptsächlich die metallurgische und chemische
Industrie ist verantwortlich für die grossflächige Verschmutzung
des gesamten Gebiets. Auch beeinträchtigte sie die Gesundheit der Bevölkerung,
vor allem der Arbeiter, die dort arbeiteten. Es ist das Ergebnis einer schnellen
wie blinden
Entwicklung, wie man auf sie überall im Verbano-Cusio-Ossola stösst. Die
Erfahrungen und Kenntnise des natürlichen Zusammenlebens der alpinen
Kulturen wurden dauerhaft gelöscht. Vergleicht man die Beschäftigungs-
und Lohnentwicklung, so war es allerdings eine aussergewöhnliche Gelegenheit
für
die Bergbewohner. In den Bergregionen beginnt der grosse Bevölkerungsrückgang
und die kleinen Zentren des Ossola werden zu Städten. Eine Entwicklung
von der Premosello glücklicherweise weitgehend verschont blieb. Die Fahrstrasse
nach Colloro wird erst im Jahr 1954 erbaut. Diese Isolierung hat die Fortführung
der Landwirtschaft in diesem Teil des Gebiets gefördert. Bis in die 60er
Jahre hinein und auch heute noch gibt es einige Bauernhöfe in Premosello. So
wurde für mindestens ein halbes Jahrhundert im Ossola der
Arbeiter in Gestalt eines Bauern geboren. Das Val d'Antrona ist das ausgeprägteste
Beispiel für dieses Phänomen, doch auch in Colloro war es verbreitet:
Man verwendete die Löhne der Fabrikarbeiter,
um Waren und Dienstleistungen für die Familie einzukaufen und blieb mit
einer Teil-Landwirtschaft weiterhin fast vollständig
unabhängig
von der Lebensmittelversorgung. Dieses Modell funktionierte fast siebzig
Jahre lang bis zum Zweiten Weltkrieg.
Doch seltsamerweise wird es in Colloro, wenn auch in bescheidenen Verhältnissen
und unterschiedlichen Ausprägungen, bis heute noch von einigen praktiziert. Ältere
Menschen erinnern sich noch an das Pendeln zwischen dem Dorf und Pieve Vergonte,
dem Zentrum der chemischen Industrie, die
Hunderte von Arbeitern anzog: "Als es noch dunkel war liefen wir schnell
nach unten bis Premosello. Hier nahmen wir das Fahrrad und fuhren die sechs
Kilometer bis zum Fabriktor. Nach der Fabrikarbeit kehrten wir zurück ins
Heimatdorf um noch ein bisschen auf den Feldern oder in der Scheune zu arbeiten."
Jeden Tag -
Sommer wie Winter. Dies wäre heute undenkbar. Für die Colloresi -
gewöhnt an hartes Arbeiten - war das nur normal.
Resistenza in Colloro und Premosello
Das Val Grande war seit jeher sehr wichtig
für die Holzwirtschaft. Im Jahre 1943 installierte die IBAI
(Industria Boschi Alta Italia) aus Milano
eine grosse Seilbahn, um das Holz aus dem
Val Gabbio im Herzen des Valgrande über die Colma nach Premosello
zu transportieren. Im Umfeld dieses Unternehmens sammelten sich erste Männer
und Soldaten, die nach den tragischen Ereignissen des 8.September
nicht beabsichtigten sich dem Faschismus unterzuordnen, sie wählten
stattdessen die Berge.
Colloro spielte eine wichtige Rolle im Befreiungskrieg. Dank seiner Position,
ohne Strassen und vor den Bergen des Val Grande gelegen, war es das Lieblingsnest
der Partisanen im Ossola. Nebst dem Hauptquartier von Major Dionigi Superti
waren Hauptmann Beltrami (später gefallen in Megola),
Hauptmann
Antonio Di Dio (auch
er später gefallen in der Schlacht von Megola), Oberst Vittorio Pieri und
Oberstleutnant Attilio Moneta in Colloro untergebracht. Dionigi Superti
war bei der IBAI
Manager und er war der erste Anführer der Aufständischen. Er
gründete
die Division "Valdossola", die aus jungen Menschen jeder Klasse
bestand. Jedes Dorf und jede Stadt war vertreten, denn fast alle flohen vor
den Repressionen
des Nazi-Regimes. Unter ihnen waren auch mehrere junge Soldaten einer
Kompanie aus Premosello. Erminio Ragozza beschreibt in seinem Buch "Aria
di casa nostra" ein auffälliges Merkmal: "...viele von
ihnen waren südlicher Herkunft aber man akzeptierte sie als Colloresi.
In vielen Häusern übernahmen sie einfach die Pflichten und Aufgaben
von Abwesenden." Weiter
schreibt Ragozza: "In
Colloro gab es keinen einzigen Spitzel. Zu jeder Tages- und Nachtzeit
standen den kämpfenden Partisanen alle Türen offen.
Oft war es die Tür des
Priesters Don Carlo Tosi, die zuerst geöffnet wurde."
Für die Versorgung der Partisanen in Colloro waren zum grossen Teil
die Frauen und Mädchen zuständig. Versteckt in den Tragekörben
(gerli)
trafen aus Premosello Lebensmittel und Munition bei der "Valdossola" in
Colloro ein. Ein paar Lire oder eine Handvoll Zucker, dies war
die bescheidene Entschädigung für Risiko wie Mühsal.
Im Spätherbst 1943 liess sich in Premosello eine faschistische Garnison
nieder, was die Partisanen dazu zwang, Colloro zu verlassen
und via Colma ins Val Grande zu ziehen. Im Dorf wurde ein Dienst organisiert,
um
die
Partisanen
zu versorgen. Während der Alpsaison unterstützen die Sennen
die Partisanen im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Der Beitrag zum Befreiungskampf
durch die Bevölkerung von Colloro und Premosello war jedenfalls aussergewöhnlich.
Am
4.Mai 1944 gelangten erstmals Waffen, Munition und Verpflegung ins Val Grande,
teilweise von den Alliierten geliefert. Aus der Luft gab
es weitere Unterstützung
am 30.Mai, als über dreihundert Mann der "Valdossola" Angriffe
auf feindliche Stellungen ausführten. Doch am 10.Juni begannen rund
16'000 Mann - Faschisten, SS-Truppen und Alpenjäger - das
Val Grande einzukesseln. Sie wurden auch aus der Luft, durch
Panzer und schwere Geschütze
unterstützt. Die Geschichtsbücher errinnern an diese Tragödie
im Juni 1944 unter dem Namen Rastrellamento. Es war die schrecklichste Zeit
für
die Partisanen des Ossola wie auch für die Zivilisten rund um das
Val Grande. Während rund zwanzig Tagen suchten Soldaten und Hunde
nach den versteckten Partisanen. Die Weiden wurden in Festungen verwandelt
und
die Hirten aus Premosello und Colloro fanden sich auf den Alpen des Val
Grande unversehens
inmitten eines infernalischen Kampfgeschehens wieder. Der Preis, den die
bescheidene Bergbevölkerung zu zahlen hatte, war hoch: Über zweihundert
Hütten
wurden niedergebrannt, viele Älpler und sogar einige Kinder wurden
ermordet. Überall
gab es die schrecklichsten Gemetzel und Massaker, besonders in den Bergen.
Mehr als 300 Partisanen wurden bei dieser Operation getötet.
Ihr Widerstand, die historische Resistenza, begründet die Fundamente
unserer heutigen Demokratie.
Nach den Kämpfen gelangten die wenigen Überlebenden zurück
nach Colloro. Nur mit viel Glück entkamen diese Männer dem engmaschigen
tödlichen Netz der Nazi-Truppen. Die Wege lagen unter MG-Feuer, im
Bahnhof Premosello richtete gar ein gepanzerter Zug seine Gewehre gegen
den Berg.
Bis Ende Juni, als die Deutschen ihren Feldzug gegen die Partisanen
beendeten, erreichten 54
von Supertis Männer in erbärmlichen
Zustand nach Colloro. Auch dieses Mal leisteten die Colloresi Soforthilfe.
Das
Haus des Priesters
Don Carlo Tosi wurde zum Lazarett für die Verwundeten. Noch unter
dem Eindruck der Ereignisse setzten die Partisanen ihren Kampf fort. Am
14. Juli stoppte eine Patrouille der "Valdossola" einen Zug mit
Faschisten im Bahnhof von Cuzzago. Fünfzehn von ihnen wurden auf die
Colma gebracht und dort von den Partisanen erschossen. Anschliessend erlangte
die "Valdossola" die
Kontrolle über die gesamte Simplonlinie und blockierte die tägliche
Lieferung von fast 3000 Tonnen Eisen an die Kriegsbetriebe. Sie sabotierte
auch Stromleitungen und lähmte damit 50% der Industrie im Grossraum
Mailand. Die fortgesetzten Sabotagen liessen beim Feind den Eindruck entstehen,
dass
die Einheiten aus weit mehr Männern bestanden, als dies tatsächlich
der Fall war. Die Deutschen wurden unsicher, doch planten sie bereits einen
Vergeltungsschlag auf Premosello:
Am 29.August 1944 kamen gegen neun Uhr morgens einige Lastwagen der Nazis
aus Baveno. In den Strassen von Premosello begannen wilde Schiessereien
und auf die Häuser wurden Handgranaten geworfen. Gruppen der Schwarzen
Brigaden und betrunkene deutsche Soldaten setzten das Dorf zur Vergeltung
in Brand.
Im ersten Haus, in das die Nazis eindrangen, lebten drei Familien. Die
Männer
waren abwesend, die Frauen und Kinder in der Küche versammelt. Es
waren sieben Menschen, dicht aneinander gedrängt, als die Nazi-Soldaten
zu ihren Füssen
eine Kiste Sprengstoff deponierten. Einen Augenblick später liess
eine gewaltige Explosion das gesamte Haus einstürzen. Wie durch ein
Wunder wurde nur eine Frau schwer verletzt, drei weitere leicht, die Kinder
blieben
unverletzt. Nini Emma, der Eigentümer des Hotel Proman,
wurde erstochen, während sein Hotel geplündert wurde. Weitere
vier Menschen wurden getötet, viele verletzt und sieben Familien verloren
ihr Heim.
Zwischen dem 9.September und dem 22.Oktober 1944 lagen die berühmten
40 Tage der mit Waffen verteidigten Freiheit: Von der Schweizer Grenze
bis Mergozzo übernahmen
Partisanen-Einheiten die komplette Kontrolle über das Haupttal und
erschufen die Republik Ossola. Gemeinsam mit der provisorischen Regierung
in Domodossola
versuchte man auch die faschistischen Gemeindepolitiker zu verdrängen.
Am Rande der kleinen Republik, in Ornavasso und Premosello wurden die Häuser
von deutschem Geschützfeuer getroffen. Die
Menschen lebten in den letzten Wochen ihrer Freiheit sehr hungrig.
Ein Brot
in Premosello
Brot bestand
nur aus Mais und Kastanien, angebaut auf den Terrassen von Capraga und
Colloro. Kastanien gab es glücklicherweise reichlich in jenem Herbst.
Für
diejenigen, die gar nichts hatten, lieferte die Schweiz Kartoffeln. Am
13.Oktober erfolgte der Gegenangriff der Deutschen in der Gegend von Migiandone,
wo die Partisanen in den Cadorna-Befestigungsanlagen zunächst erbittert
Widerstand leisteten. Während dreier Tage blockierte
man den Vormarsch der Nazi-Truppen, musste dann aber aufgeben. So auch
im Val Cannobina, wo sich die Partisanen um Finero zurückziehen mussten.
Während
die Nazi-Truppen etwa aus 10'000 Mann bestanden, waren in den Partisaneneinheiten "Valtoce", "Valdossola" und "Garibaldi" zusammen
lediglich rund 3'000 vereinigt. Widerstand wurde dennoch so viel wie möglich
geleistet. 300 Mann fielen in Kampfhandlungen und mindestens weitere hundert
wurden nach ihrer Gefangennahme ermordet. Von Domodossola brachten Züge
viele Kinder und andere, die sich in Lebensgtefahr befanden, in Sicherheit.
Sie alle wurden von der Schweiz grosszügig
bis zum Ende des Krieges aufgenommen. Den Menschen, die im Winter
1944/45 in ihrer Heimat blieben, war die grosse Enttäuschung
und Trauer um die Opfer anzusehen. Viele Hoffnungen wurden zunichte gemacht.
Ende Februar 1945 kamen die berüchtigten Schwarzen Brigaden nach Premosello.
Gleich in der ersten Nacht feuerten sie auf die Arbeiter, die die Erlaubnis
hatten, während
der Ausgangssperre mit ihren Fahrrädern zu den Fabriken in Pieve Vergonte
zu fahren; einige von ihnen wurden dabei schwer verletzt. Am Tag danach
begannen die Raubzüge
im Dorf. Jede Woche, stets nachts, machte sich eine Lkw-Ladung mit gestohlenen
Gütern auf den Weg.
Am Ostermontag waren zwei Frauen auf dem Weg nach Colloro um dem Kommando
von Major Superti Informationen zu überbringen. Unterwegs trafen sie
auf vier Faschisten, die sie bedrängten. Die Frauen machten bis zu
ihrem Eintreffen in den Gassen
von Colloro gute Miene zum bösen Spiel. Die Partisanen hatten jedoch
alles beobachtet, bevor sie eingriffen: Einer der vier Faschisten
verlor sein Leben während des anschliessenden Schusswechsels, zwei
andere wurden gefangengenommen, der vierte jedoch entkam nach Premosello
und gab Alarm.
Der
faschistische Führer
Moacatelli stieg daraufhin mit sieben oder acht Mann wütend den Weg
nach Colloro hinauf. Dort verletzte er den fliehenden Dorfbewohner Natale
Zonca
mit
einem Schuss. Obwohl er ins Spital
nach Domodossola gebracht wurde, konnte man nichts mehr für ihn
tun. Es waren schreckliche Tage: Die Schwarzen Brigaden hielten den Terror
aufrecht
und die Partisanen widersetzten sich mit Angriffen auf offener Strasse. Zwischenzeitlich
wurde die Schule in Premosello zum Hauptquartier der Faschisten ausgebaut.
Schiessereien und Gefangennahmen waren an der
Tagesordnung. Es wurde immer deutlicher, dass Colloro das Rebellennest
war, und so entschied
die deutsche Führung zur endgültigen Säuberung des Dorfes.
Am
14.April 1945 um halb fünf morgens begannen die deutschen Truppen
Colloro zu bombardieren. Die wesentlichen Ziele waren die Casa Varetta,
das Cà dal Preu von Don Carlo Tosi und der Circolo, doch überall
im Dorf schlugen insgesamt 86 Bomben ein. Zum Ende
des Bombardements erreichten drei
Nazi-Einheiten auf drei verschiedenen Wegen Colloro. Fast alle Männer
flohen in die Maisfelder oder in den Wald, während im brennenden
Dorf nur die Frauen und Kinder zurückblieben. Die von Vogogna anrückende
Truppe wurde durch die Einwohner von Capraga mittels eines Feuers den
Colloresi signalisiert. Eine
andere Truppe
stieg
von Cuzzago auf und wurde durch einen einzigen Premoseller Ziegenhirten
namens Primo Varetta gestoppt: Er sah die Soldaten wenig oberhalb der Alpe
Sciarina herannahen,
und zerstörte die puntègia, eine Holzbrücke,
die den Übergang
zwischen steilen, glatten Felsen
ermöglicht. Mittlerweile hatten zwei
der drei Truppen Colloro erreicht und durchsuchten Haus um Haus. Sie konfiszierten
alle Lebensmittel,
Gegenstände und Geld, das sie finden konnten. Frauen und Kinder
wurden unter Waffengewalt mitgenommen und an die Mauer unterhalb der Kirche
gestellt.
Auch
Don Carlo Tosi wurde gewaltsam abgeführt. Dem deutschen Offizier, der
das Kommando über die Operation innehatte, wurde durch Kameraden zwischenzeitlich
mitgeteilt, dass keine Partisanen oder andere Männer festgenommen
werden konnten, geschweige denn gesehen wurden. Darüber geriet der
Offizier dermassen in Rage, dass er ein Massaker androhte. Die Frauen schwiegen
vor Angst, die
Kinder weinten. Alle waren überzeugt, dass dies ihr Ende sei. Dem jungen
Partisanen-Priester Don Carlo Tosi wurde vorgeworfen parteiisch zu sein.
Bleich, aber ruhig erklärte er: "Was für eine Schuld haben
diese Menschen auf sich geladen, dass die Partisanen es zulassen, sie gefangenzunehmen?
Wenn
Sie jemanden umbringen wollen, so töten Sie mich!" Die Partisanen
beobachteten zwischenzeitlich das Geschehen mit einem leistungsstarken
Fernrohr von Alpe La Colla aus - ohne einen Schuss abzufeuern. Um zehn
Uhr gaben die
Deutschen auf und gingen hinunter nach Premosello.
Das Dorf wurde verschont, vielleicht weil der Offizier kein Verbrecher
wie viele anderen war, sondern ein Minimum an Verantwortung besass. Und
auch
die Truppen waren wohl erschöpft und müde vom Krieg. Nachdem
alle wussten, dass die Alliierten die Gotenstellung durchbrochen hatten,
ahnten die meisten deutschen Soldaten den bevorstehenden Rückzug.
Tatsächlich
fielen sowohl die Nazis als auch die Faschisten in der Nacht vom 24. auf
den 25.April in grosse Betriebsamkeit. Noch vor der Morgendämmerung
verliessen sie unter Maschinengewehrsalven in Lastwagen und Autos Premosello.
Um sechs
Uhr endete die letzte Sperrstunde. Menschen versammelten sich auf den Plätzen
in Premosello und erkannten in der sich nun ausbreiteten irrealen Stille,
dass es eine Flucht für
immer gewesen war. Die Kirchenglocken läuteten zur Befreiung.
Wer könnte die Tragödien im Zweiten Weltkrieg besser mit wenigen
Worten in Würde zusammenfassen als der Schriftsteller Nino Chiovini?
Aus seinem wunderbaren Buch "Mal di Valgrande" zitiere ich einige
Zeilen, die sich besonders auf die Einwohner von Colloro beziehen: "Männer,
die in Fabriken arbeiteten, und doch Landwirte blieben. Menschen,
die über Jahrhunderte gelernt hatten, von der Erde nicht mehr zu verlangen
als sie geben kann; die ihre Mitmenschen nicht
zu unterdrücken wussten und es vorzogen, selber unterdrückt
zu bleiben. Sie, die während
Jahrhunderten Unterdrückten, nahmen die Chance zur nationalen und
sozialen Befreiung wahr und schlugen gemeinsam eine neue Richtung ein."
Colloro heute
Heute zählt Colloro noch 150 Einwohner, im Jahr 1944 waren
es mehr als sechshundert. Das letzte Lebensmittelgeschäft schloss im Oktober
1998. Doch wurde im Jahr 2009 die Renovierung des Circolo abgeschlossen, der
jetzt die Aufgaben eines Restaurants übernimmt, und auch über drei
Zimmer verfügt. Das Angebot wird durch ein Bed and Breakfast mit zwei
Zimmern ergänzt, welches sich im Cà dal Preu befindet, jenes Haus
wo auch Don Carlo Tosi lebte (siehe oben).
Der Circolo der Arbeiter in Colloro wurde 1903 gegründet. Zu Beginn des
Jahrhunderts zeigte sich die Notwendigkeit, einen Treffpunkt für die aufstrebende
Arbeiterklasse zu haben. Im ersten Artikel der Satzung des Vereins ist festgehalten: "Der
Circolo ist ein Ort, wo die Arbeiter sich wie zu Hause zwischen vertrauten
Freunden fühlen, um eine Erleichterung der täglichen Arbeit zu finden..." Auch
heute noch ist das Vorhandensein dieses Clubs entscheidend für Colloro,
da er der einzige verbliebene der vier oder fünf Bars ist, die das Dorfleben
bis in die 50er Jahre hinein belebten.
Wie viele Dörfer im Verbano-Cusio-Ossola, besitzt Colloro den einzigartigen
Charakter eines charmanten Südalpen-Bergdorfes mit seinen Steindächern,
der Kirche St. Gotthard, den engen Gassen und Fresken. Eine dieser Fresken
stellt ein wertvolles Gemälde, das der Gottesmutter
mit Kind und einem Heiligen gewidmet ist, dar. Diese Landschaft lockt viele
mitteleuropäische
Menschen an.
Tatsächlich
kaufen seit rund dreissig Jahren vor allem Süddeutsche verlassene Häuser
im Dorf und renovieren sie unter Wahrung der lokalen Bauweise, um hier ihre
Ferien zu verbringen.
Die Touristen, die nach Colloro kommen sind nicht am Treiben von lärmenden
Bars und Clubs interessiert. Sie wählen das Ossola oder das Tessin vielmehr
wegen der besonderen Atmosphäre, der Schönheit und Authentizität,
die in dieser Form in den bekannten Touristendestinationen nicht mehr zu finden
ist. Im Frühling beeindrucken die Wiesen im Dorf den Besucher, die allesamt
weiterhin gepflegt und gemäht werden. An sonnigen Tagen ist die Luft voll
von Düften aus mediterranen Kräutern wie Thymian und Oregano. Das
Zirpen der Heuschrecken und der Gesang der vielen Vogelarten lassen eine entspannte
Atmosphäre aufkommen. Unter den vielen Arten von Pflanzen und Tieren sind
sogar seltene Orchideen, wie der Pflugschar-Zungenstendel oder
diverse Schwalbenschwanzarten. All diese Arten brauchen,
um zu überleben, offene Flächen, in denen noch kein Ginster, Brombeeren
oder Farn vorgedrungen ist. Zur Erhaltung dieser Artenvielfalt ist es notwendig,
das Gras wenigstens ein Mal im Jahr zu mähen. Das bedeutet, dass
alle Colloresi, die ihre Grundstücke und Grasflächen noch regelmässig
nutzen, wertvolle Partner für den aktiven Naturschutz und der Erhaltung
der Artenvielfalt im Nationalpark sind.
Seit Parkgründung haben sich diese Verhältnisse durch die Verschärfung
der Gesetze verbessert, obwohl es absurd erscheinen mag, die Menschen mit Verordnungen
und Richtlinien vor der Zerstörung ihres Lebensraum bewahren zu müssen.
Der Nationalpark Valgrande wurde am 2.März 1992
gegründet. Die Geschichte des Schutzes dieses Alpenraums begann jedoch
schon lange zuvor. In den 50er Jahren begannen die Gemeinden mit dem Kauf von
8'800
Hektar Wald. 1967 wurde das unzugänglichste
Parkgebiet um die Cima Pedum zum ersten Naturschutzgebiet mit 973 Hektar.
1970 folgten die 2'410 Hektar des Schutzgebietes Mottàc mit weniger
strengen Regelungen. 1977 wurden diese Reservate in das europäische System
der biogenetischen Reserven aufgenommen.
Inzwischen ist die Aufmerksamkeit um die wertvolle Natur hauptsächlich
der unermüdlichen Arbeit des Journalisten, Schriftstellers und Kenners
der Ossola-Berge Teresio Valsesia geschuldet. Ebenfalls 1977 schlägt Franco
Zunino die Anerkennung des Val Grande als erste Wilderness-Zone Europas dem
World-Wilderness-Congress in Johannesburg vor. 1985 bildet Franca Olmi, der
spätere erste Präsident des Nationalparks, ein Organisationskomitee
zur Schaffung des Valgrande-Nationalparks. 1991 wird endlich das Rahmengesetz
zur Parkgründung im Val Grande verabschiedet.
Gegründet mit einer Fläche von 11'700 Hektar wird er im Jahr 1997
um weitere Gebiete in den Gemeinden Vogogna und Premosello und im Valle Intrasca
erweitert. Heute umfasst der Nationalpark eine Fläche von 15'000
Hektar in 13 verschiedenen Gemeinden.
Der Park ist in vier Zonen aufgeteilt, die auf die spezifischen natürlichen,
kulturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen Rücksicht nehmen.
Die letzten beiden Kurven der Strasse nach Colloro, kurz vor dem Ortseingang,
liegen bereits innerhalb des Nationalparks. Für das Dorf ergibt sich
damit eine Chance seine Geschichte fortzuschreiben, und nicht in Abwanderung
und Niedergang zu enden. Die
blosse Tatsache, dass sich Colloro innerhalb der Parkgrenzen befindet und Ausgangs-
oder Zielpunkt der Val-Grande-Traverse bildet, lockt heute Touristen aus halb
Europa hierher. Gerade die
Authentizität
dieses Ortes und seiner Landschaft kann der Schlüssel zum Überleben
in einer globalisierten Welt werden. Colloro verfügt noch über
viele Wachstumsmöglichkeiten. Es wäre sinnvoll, die Chancen wahrzunehmen
und umzusetzen, doch dazu bedürfte es der Zusammenarbeit der Gemeinden
und der
Parkverwaltung: Eine Synergie, die bisher nicht erkannt wurde.
Der Berg ist nicht nur geologisch ein heikler und instabiler Platz, sondern
auch kulturell. Die Menschen hier kämpfen um ihre Identität, die
so gegensätzlich zur derjenigen der Metropolen ist. Um weiterhin die Berggebiete
zu bewohnen ist es mehr denn je wichtig, die Menschen in die Herausforderungen
unserer heutigen Zeit miteinzubeziehen. Es ist auch notwendig, sich viel Empathie
für
diejenigen Menschen anzueignen, die seit Jahrhunderten ihr Überleben an
diesem Platz mit viel Intelligenz und Kreativität gesichert haben. Ein
Verlangsamen oder gar Aufhalten des kulturellen Prozesses der Entfremdung garantiert
auch den künftigen Generationen sich eine Lebenschance in diesen Bergdörfern
zu erhalten.

Quellen
Aria di casa nostra - Erminio Ragazza - zweite überarbeitete Auflage
von Pier Antonio Ragazza – Gemeinde Premosello
1994
Val Grande ultimo paradiso - Teresio Valsesia – Verlag Alberti 1985
Valgrande
escursioni storia natura - Paolo Crosa Lenz – Verlag Grossi
1999
La Valgrande di ieri - Andrea Primatista – Eigenverlag 2010
Paesaggio
Culturale oppure Wilderness nelle Alpi? - Susanne Lehringer, Franz Höchtl, Werner Konold – Provinz
VCO 2008
Vivere in salita - Paolo Pirocchi, Pierantonio Ragazza, Silvano Ragazza – Nationalparkverwaltung
Val Grande 1999
I cent’anni del "Circul" di Colloro – Pier
Antonio Ragazza 2003
Mal di Valgrande - Nino Chiovini – Verlag Tararà 2002
Prima c’erano gli uomini ricerca scientifica dell’Università di
Friburgo - Franz Höchtl, Bettina Burkart – publiziert von
Le Rive n°5, 2000